Theophilus Presbyter

Ein Handbuch mittelalterlicher Kunst? Relecture der »Schedula diversarum artium« des Theophilus Presbyter auf der Basis ihrer handschriftlichen Überlieferung.

Unter dem Pseudonym Theophilus Presbyter ist eine für die Erforschung und das Verständnis der hochmittelalterlichen Künste zentrale Schrift überliefert: die »Schedula diversarum artium«. Sie umfaßt äußerst detailreiche Anweisungen über Fertigungsweisen nahezu aller mittelalterlicher Kunstgegenstände – von der Buch- und Wandmalerei über die Glas- und Goldschiedekunst bis hin zu Glockenguß und Orgelbau.

Im Jahre 1774 hatte Gotthold Ephraim Lessing eine Abschrift der »Schedula« in einem Wolfenbütteler Kodex entdeckt und für eine erste Publikation gesorgt. Aufgrund eines Namenszusatzes in einem Wiener Kodex – „qui et Rugerus” – identifizierte Albert Ilg 1872 den Autor mit dem Handwerkermönch Roger von Helmershausen und fundierte damit die noch heute bestehende Lehrmeinung, der Autor sei nicht nur der erste zugleich praktisch arbeitende und literarisch gebildete Kunsthandwerker des Mittelalters, sondern er sei in Deutschland als Haupt einer niedersächsischen Werkstatt auch Schlüsselfigur für die Entstehung des romanischen Stils.

Seit dem Zusammenbruch der Autorhypothese und der Werkstatthypothese durch neuere Forschungen wird jedoch deutlich, daß die bisherige Lesart des Textes zwar die kulturelle Praxis der neuzeitlichen Rezipienten reflektiert, jedoch die Darstellung kunstgeschichtlicher Entwicklungsprozesse im 12. Jahrhundert stark verunklärt hat. Damit rückt der Text der »Schedula« und dessen komplexer Überlieferungszusammenhang erneut in den Mittelpunkt des Forschungsinteresses. Hierbei wird offensichtlich, wie ungenügend dessen bisherige Bearbeitung ist. Die vorliegenden Editionen bieten durchweg einen Mischtext und verzichten zudem beinahe völlig auf Quellenangaben. So wird der irreführende Eindruck eines Werkes sui generis erweckt, zumal verwandte material- und technikspezifische Quellengattungen noch vielfach terra incognita sind.

Die angestrebte kontextuelle Relecture der »Schedula« erfordert jedoch neue methodische Zugänge. Der entscheidende Schlüssel für ein neues, umfassendes Textverständnis der »Schedula« liegt in der Materialität ihrer handschriftlichen Überlieferung. Diese muß in einem ersten Arbeitsschritt umfassend und detailliert gesichert und verläßlich dokumentiert werden. Hier setzt dieses Forschungsprojekt an. In Gestalt einer kritisch-digitalen Edition strebt es eine vollständige Erschließung, Dokumentation und Kontextualisierung der Überlieferung in ihrer ganzen Vielfalt an. Mehr …

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