Bibliothek und digitale Edition

Das Institut für Dokumentologie und Editorik bereitet ein Themenheft der Zeitschrift "Bibliothek und Wissenschaft" für das Jahr 2011 vor und lädt internationale Vertreter der Bibliotheks- und der Editionswissenschaften dazu ein, Vorschläge für wissenschaftliche Beiträge zum folgenden Themenfeld einzureichen:

Wissenschaftliche Bibliotheken sind die angestammten Institutionen für die Erarbeitung wissenschaftlicher (kritischer) Editionen. Einerseits bewahren ihre Abteilungen für Handschriften, Nachlässe oder seltene Drucke die Grundlagen der philologischen Erschließung von historischem Textmaterial. Andererseits gewährleisten sie die Verfügbarkeit der in den wissenschaftlichen Ausgaben zusammengeführten Ergebnisse.

Die neuen Informationstechnologien haben die Arbeitsweisen innerhalb der Bibliotheken in vielerlei Hinsicht stark verändert. Dennoch bleibt ihre vorrangige Aufgabe prinzipiell gleich: die Sicherung der Verfügbarkeit von Information, z.B. in Form von historischen Textdokumenten. Ohne die Bewahrung und Pflege der Dokumente durch dauerhafte Institutionen ist deren langfristiges Überleben gefährdet. Dies gilt für den Bereich der Handschriften und Druckwerke ebenso wie für die Dokumente ihrer wissenschaftlichen Erschließung und in wohl noch stärkerem Maße für den Bereich der digitalen Ressourcen, wo Dokumente und Textdaten aufgrund der rasant fortschreitenden technischen Veränderungen einem schnelleren Alterungsprozess ausgesetzt zu sein scheinen.

Um ihrer Aufgabe weiterhin gerecht zu werden, müssen sich Bibliotheken den veränderten Bedingungen anpassen. In wie weit sie in der Lage sein werden, elektronische Ressourcen nachzuweisen, dauerhaft zu referenzieren und zu archivieren, ist noch nicht abzusehen. Enger an die traditionelle Tätigkeit schließt die Lizenzierung von kostenpflichtigen Angeboten an. Einige Bibliotheken haben sich sogar in den Arbeitsbereich der Verlage gewagt und unterstützen (zumeist universitäre) Online-Verlage oder betreiben eigene Repositorien für elektronische Dokumente. Auf der anderen Seite steht die kontinuierliche Umwandlung der Bücher in elektronische Präsentationsformen im Rahmen großer Retrodigitalisierungsprojekte. Auch der Digitalisierung von Handschriften, bei denen es sich prinzipiell immer um Unikate handelt, kommt dabei eine große Bedeutung zu.

Die Editionswissenschaft hat sich mit den modernen Informationstechnologien ebenso stark gewandelt. Während das ursprüngliche Anliegen der Editoren schon im 16. Jahrhundert war, handschriftliche Texte einer breiten Gruppe von Lesern zugänglich zu machen und dieses Anliegen seit dem 19. Jahrhundert mit den Metho¬den der kritischen Edition wissenschaftlich reflektiert wurde, steht die digitale Edition nicht nur für leichte Verfügbarkeit, sondern auch für ein neues Verständnis der zu edierenden Texte: Sie können in digitaler Form in ihrer gesamten historischen Breite und Varianz abgebildet werden, die von unterschiedlichen Entwürfen bis zur Vielfalt der Rezeption reicht. Die umfassende Edition, die sich nicht mehr auf den edierten Text als qualifizierten Lesevorschlag reduziert, sondern die Überlieferung unmittelbar sichtbar macht, kann in einer methodischen Fortentwicklung unter dem Paradigma der virtuellen Forschungsumgebung direkt an die Bibliotheksbestände und damit auch an die Bibliotheken zurückgebunden sein.

Für Bibliotheken und Editoren ergeben sich daraus unter anderem die folgenden Fragen:

(1) Wie können Bibliotheken die Erstellung von digitalen Editionen unterstützen, und welche Bedürfnisse haben Editoren hinsichtlich der Bibliotheken?

(2) Welche Formen digitaler Editionen wollen und können die Bibliotheken unterstützen?

(3) Gibt es einen systematischen Unterschied zwischen Veröffentlichung von Handschriftenbildern und kritischer Texterstellung, und sind die Digitalisierungsprogramme der Bibliotheken nicht selbst als erster Schritt inkrementell wachsender und an Erschließungstiefe kontinuierlich fortschreitender „digitaler Editionen” zu verstehen?

(4) Wie können die Ressourcen aus den Bibliotheken (Metadaten, Bilddigitalisierung, elektronische Volltexte) über Schnittstellen für die weitere Nutzung in der Aufbereitung (Edition) und Auswertung (inhaltliche Forschung) dauerhaft verfügbar gemacht werden?

(5) Welche Form muss eine digitale Edition haben und was ist ihr abstrakter Informationsgehalt, der langfristig und von allem Medienwandel unbeeinträchtigt ver¬fügbar sein soll?

(6) Wie können Bibliotheken ihrer Aufgabe der Bewahrung gerecht werden, wenn digitale Editionen zunehmend von Technologien abhängig sind, bezüglich deren dauerhafter Speicherung es noch wenig Erfahrung gibt? Welche Technologien sind für digitale Editionen sinnvoll, damit diese durch wissenschaftliche Bibliotheken ver¬breitet und gesichert zu werden?

(7) Wenn die Edition einerseits ihren Charakter wandelt, indem sie vom Produkt zum Prozess wird und sie andererseits stärker an die Überlieferung (in den Bibliotheken) rückgebunden wird, kann sich die Bibliothek dann zum „eigentlichen Ort der Edition” entwickeln, der zugleich (virtualisierte) Arbeitsumgebung und Publikationsplattform wird?

(8) Wenn in vernetzten Editionen Normdaten an Bedeutung gewinnen: wie können die Bibliotheken hier ihre Erfahrungen einbringen?

(9) Welche Rechtemodelle verfolgen Bibliotheken und Editoren, um digitale Editionen zu ermöglichen, sie zu erstellen und sie zu verbreiten?

(10) Welche Rolle spielen automatische Transkriptionsprogramme (OCR) für die Überführung von unikalem Bibliotheksmaterial in für die weitere wissenschaftliche Verarbeitung nutzbaren Lesetext?

(11) Können Bibliotheken “virtuelle Forschungsumgebungen” für die Edition von Bibliotheksbeständen schaffen? Welchen Beitrag können und sollen Bibliotheken zu virtuellen Forschungsumgebungen von Editoren leisten?

(12) Erweitert sich die Zielgruppe der kritischen Edition durch den Vermittlungskanal „Internet” von den Benutzern wissenschaftlicher Bibliotheken hin zu einer größeren, heterogenen Öffentlichkeit?

Termine:
Vorschlagsskizzen sollen nicht mehr als 2000 Zeichen umfassen und bis zum 4. Januar 2010 beim IDE eingegangen sein. Auf der Basis der eingegangenen Vorschläge werden die Herausgeber von IDE und BuW gemeinsam die Einladungen zur Ausarbeitung der jeweiligen Texte ausgeben. Diese sollen zwischen 15.000 bis 45.000 Zeichen umfassen und bis zum 31. Oktober 2010 zur Begutachtung vorliegen. Das Erscheinen des Bandes soll dann zum Anlass genommen werden, besonders gelungene Beiträge auf einer internationalen Tagung öffentlich zu diskutieren.

Kontakt

buw@i-d-e.de

Christiane Fritze <fritze@bbaw.de>
Patrick Sahle <sahle@uni-koeln.de>
Franz Fischer <f.fischer@ria.ie>
Malte Rehbein <malte.rehbein@uni-wuerzburg.de>

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